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Nach der NMS sind alle Wege offen

Im österreichischen Bildungswesen gibt es bekanntlich etliche „Baustellen", an denen nicht viel weitergeht. Eine davon ist die Schnittstelle zwischen der Volksschule und dem Sekundarbereich.

Früher war die Sache relativ klar: Die meisten Kinder setzten ihre Schullaufbahn in der Hauptschule fort, nur die sehr leistungsstarken Buben und Mädchen gingen ins Gymnasium. Mit der Abschaffung der Aufnahms-prüfungen änderte sich das zusehends, vor allem in den städtischen Bereichen. Schließlich war es zuletzt so, dass in manchen Teilen der größeren Städte bis zu drei Viertel der Kinder ins Gymnasium wechselte - mit der logischen Konsequenz, dass diese „höheren" Schulen nun auch mit vielen nur mittelmäßig Begabten zu kämpfen hatten und natürlich ihr vielgepriesenes Niveau nicht mehr halten konnten; die verbleibenden Hauptschulen verkamen zu „Restschulen".

Eine für beide Seiten unerfreuliche Entwicklung, die auf keinen Fall qualitätssteigernd war (und ist)!

Diese Entwicklung erreicht nun, bedingt durch geburtenschwache Jahrgänge, auch die „Provinz" - und das, obwohl die Landhauptschulen stets belegen konnten, dass auch sie alle Wege bis hin zum Studium öffnen können. Die meisten der Maturanten, die jedes Jahr in Tirol ihre Reifeprüfung ablegen, tun dies, nachdem sie den Weg über eine Hauptschule gewählt haben!

Mit der Einführung der Neuen Mittelschulen wollte die Politik dieser negativen Entwicklung entgegenwirken, was aber nur teilweise gelingt. Zu groß ist offenbar bei vielen Eltern der Wunsch, ihr Kind in ein Gymnasium zu bringen.

Aber warum?

Tatsache ist, dass in den Neuen Mittelschulen nach dem gleichen Lehrplan unterrichtet wird wie in den Unterstufen der Gymnasien. Das Abschlusszeugnis der guten Schüler öffnet genau die gleichen Türen wie jenes der AHS-Viertklassler.

Tatsache ist weiters, dass durch das Teamteaching in den Neuen Mittelschulen gezielt auf die Stärken und Schwächen eines Kindes eingegangen werden kann, die verschiedenen Fördermöglichkeiten ergänzen diese Unterstützung. Uns ist die Förderung der leistungsstarken Kinder ein besonderes Anliegen.

Weiters ist es eine Tatsache, dass die Kinder durch die umfassende Berufs-
orientierung, wie sie nur die Neue Mittelschule bietet, bestmöglich über weitere Bildungs- und Berufswege informiert werden.

Durch die Wahlpflichtfächer, die seit einigen Jahren an unserer Schule sehr erfolgreich geführt werden, hat jeder die Möglichkeit, seine besonderen Interessen zu fördern. Besonders interessant für leistungsfähige Kinder sind dabei die beiden Fremdsprachen Italienisch und Französisch sowie Informatik (mit dem Erwerb des Computerführerscheins).

All das ist ohne weite Fahrwege möglich, sodass für private Interessen, Hobbys und Vereine noch genügend Zeit bleibt.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass selbstständige und leistungsfähige Volksschüler ihre Zukunft im Gymnasium sehen, aber es ist aus meiner Sicht sehr bedenklich, wenn Eltern - manchmal wohl auch gegen den Rat des Volksschullehrers - diesen Weg unbedingt beschreiten wollen. Oft sind die betreffenden Kinder dann überfordert.

Es muss zu denken geben, wenn man hört, dass von sechs Klassen im Gymnasium nach vier Jahren auf zwei Klassen reduziert wird, weil der große Rest in eine andere Schule wechselt. Alle diese Kinder wären in einer Neuen Mittelschule wohl besser aufgehoben gewesen!

Was auch noch zu bedenken ist: Wohin führt es, wenn immer mehr zur Matura drängen, andererseits aber überall die Facharbeiter ausgehen?

Albert Sieberer, Schulleiter